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Wie es ist, nach 6 Monaten Zara-Abstinenz mal wieder beim Lieblings-Spanier einkaufen zu gehen

Ja, ich gebe es zu: Zara ist mein Lieblingsshop, wenn es um schnelle Trends geht, die absolut auf dem Punkt sind und kein riesiges Loch auf meinem Konto verursachen. Aber Zara ist auch gefährlich. Denn obwohl ich beim Betreten des Ladens meistens 0,0 Kaufabsichten hat, gehe ich dann doch immer mit mindestens einer Tüte nach Hause. In den letzten sechs Monaten habe ich mich jedoch zurückgehalten und die spanische Kette nur noch auf der Schaufensterseite von außen angeguckt. Doch jetzt hat es mich mal wieder hineingezogen in die Trend-Hölle.


Alle Fotos sind aus der aktuellen Spring/Summer-Kollektion 2018 von Zara / Photos: Zara
Alle Fotos sind aus der aktuellen Spring/Summer-Kollektion 2018 von Zara / Photos: Zara

Es ist dieses Kribbeln, das sich überall in meinem Körper ausbreitet. Die Vorfreude. Spannung. Schon als ich die Schaufenster von weitem sehe, kommt es wohl zu einer Oxytocin-Ausschüttung im Gehirn, denn ich fühle mich auf einen Schlag gut. Keine Zukunftsangst mehr, die ich im Moment ständig mit mir herumschleppe (ich mache mich gerade selbstständig), kein schlechtes Gewissen, dass ich doch bald arbeitslos bin und mein Geld besser für Miete und Essen sparen sollte. 

 

Nein. Es ist einfach nur ein Happiness Feeling in mir. Denn ich war schon so lange nicht mehr bei Zara shoppen, dass ich schon fast vergessen hatte, was mich in den Läden des spanischen Konzerns, dessen Wert laut Forbes auf 11,3 Milliarden Dollar geschätzt wird, erwartet. 

 

Am Eingang steht ein freundlicher Herr in einem sehr gut sitzenden Anzug, der mich nett anlächelt, als ich den Store betrete. Es riecht nach Blumen, der Laden wirkt nach einem Umbau viel heller, freundlicher und einladender als je zuvor. Ich lächle zurück und erinnere mich an die erste Entscheidung, die man treffen muss: gehe ich links oder rechts herum? Rechts hängen geniale Basics in Frühlingsfarben, links blitzen unglaubliche Heels aus grünem Samt mit Schmuckspange unter einem Tisch mit kuscheligen Pullovern hervor, die schreien: FASS - MICH - AN!

 

Ich entscheide mich für die Basics und bin mittendrin im Entscheidungsdilemma. Welche der schwarzen Hosen nehme ich mit in die Kabine? Brauche ich nicht noch ein schwarzes Kleid für eventuelle Jobgespräch? Oder angesagte Sockboots? Oh und dieser rote Rock würde sich doch toll zu meinem alten pinkfarbenem Pullover machen und ihm wieder richtig Glam verleihen. 

 

Ich bin schon fast vorbei am Rock, als ein anderes Mädel direkt auf ihn zusteuert und gerade danach greifen will. Zack, habe ich ihn mir zuvor geschnappt. Und erinnere mich: "Oh ja, wenn es andere auch haben wollen, muss das Kleidungsstück etwas besonderes haben". 

 

Ich habe noch nicht mal ein Drittel des Stores und seines Sortiments angeguckt und schon fünf Teile auf dem Arm. So ist das eben bei Zara, die Trends sind alle auf den Punkt, man hat sie bei Instagram oder in coolen (Online-)Magazinen gespottet und möchte sie unbedingt besitzen. Ob sie zu einem passen und häufig ausgeführt werden bzw. als Schrankleiche mit Preisschild enden, daran denkt man während des Shoppingstreifzugs kaum. Es geht einzig um das kurze Glück etwas Neues zu besitzen. 

Der Zauber, der von neuen Teilen ausgeht, er hat mich gepackt. Ich bin wie in einem Rausch, steuere Ständer an, bücke mich nach Schuhen  und Taschen, halte Kleider und Jacken vor meinen Körper, um mich im Spiegel zu betrachten. Doch der große Spaß wartet erst in der Kabine.

 

Wollflusen und dellen-beschönigendes Neonlicht sind mir egal - diese kleinen Unannehmlichkeiten blendet man gerne aus. Auch, dass es keinen Stuhl oder eine Ablagefläche gibt und ich meine eigenen Klamotten in den Staub legen muss. 

 

Es geht ja schließlich um die neuen Sachen und die werden jetzt anprobiert. Das Kleid sieht super aus. Die bunte Culotte macht komischerweise einen echten Knackpo, der Rock hat die perfekte Nicht-zu-lang-nicht-zu-kurz-Länge, die Sockboots sitzen wie eine zweite Haut und sind dank des Kittenheels bombastisch bequem. Ich komme ins Dilemma: Ich will alles haben! Dabei war ich noch gar nicht im ersten Stock! 

 

Und dann schaltet sich plötzlich ein ganz kleiner Teil meines Gehirns ein: Die Vernunft. Warte mal, Stephanie, brauchst du wirklich ein neues schwarzes Kleid? Du hast mindestens vier im Schrank. Die Stiefel sind cool, aber sind sie das auch 2019 noch? Einzig der Rock könnte deine Garderobe aufpimpen. Und so hänge ich den vermeintlich mein Leben und Aussehen für immer verändernden Rest zurück und gehe nur mit dem Rock zur Kasse. 

 

Den ersten Stock schenke ich mir. Ich weiß ja genau, was mich dort erwartet: mehr Teile, die ich unbedingt haben möchte, die ich mir aber nicht leisten kann UND die ich gar nicht brauche! 

 

Irgendwie haben mich die sechs Monate Zara-Abstinenz bekehrt und shopping-klüger gemacht. Ich lasse mich nicht mehr von den vermeintlichen Trends blenden. Man kann da nämlich gar nicht mithalten. Und muss es auch nicht. Wenn man weiß, wer man ist - auch klamotten-technisch - dann können einem die Trends am Allerwertesten vorbeiziehen. Ich shoppe nur noch etwas, das  

 

1. ich perfekt mit den schon in meinem Schrank befindlichen Teilen kombinieren kann.

2. ich wirklich brauche. 

3. nachhaltig produziert wurden und bei denen ich kein schlechte Gewissen haben muss (hier fällt Zara sowieso raus). 

4. ich mit Garantie länger tragen werde, also Basic Teile, die immer gehen. 

 

AMEN


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